Die Russen kochen Eier nach Gefühl. Teil 5. Nonverbale Kommunikation

Die Russen kochen Eier nach Gefühl. Teil 5. Nonverbale Kommunikation

Mit den Russen verhandeln, ihr miserables Zeitmanagement ertragen, russische Frauen verstehen – es ist alles nicht so einfach. Und sogar die nonverbale Kommunikation in russisch-deutschen Begegnungen, also nichtsprachliche Mittel, Symbole und Zeichen, die zur Informationsübertragung benutzt werden, führt zu einigen Irritationen. Denn die meisten Symbole der nonverbalen Kommunikation (Mimik, Gestik, Blickkontakt, Pose, Distanz, Lautstärke, Berührungsverhalten usw.) sind sehr kulturell geprägt. Falsches Benutzen von nonverbalen Zeichen kann zu großen Missverständnissen führen.

Beim Kontakt mit Russen kann manchmal der Eindruck entstehen, dass sie sich unnatürlich oder komisch verhalten. Hier helfen nicht einmal gute Russischkenntnisse. Nehmen wir mal den Blickkontakt. In der deutschen Kultur wird der direkte Blickkontakt als Zeichen der Ehrlichkeit und Offenheit verstanden (mein Gegenüber hat nichts zu verbergen). Automatisch wird dann der gelegentlich abgewandte Blick der Russen als Zeichen der Unhöflichkeit, Unsicherheit oder Desinteresses gedeutet. Die Russen dagegen empfinden den Versuch der Deutschen, ständigen direkten Augenkontakt aufrechtzuhalten als „bohrend“, indiskret und unbescheiden und versuchen dann erst recht wegzugucken.

Das wäre vielleicht noch halb so schlimm, doch die Russen scheinen wirklich keine Manieren zu haben, denn sie lächeln auch nie. Über den typisch russischen mürrischen Gesichtsausdruck ist schon viel geschrieben worden. Einen kurzen Blickkontakt aufnehmen und ein Lächeln andeuten – so geht man in Europa miteinander um. Doch in Russland scheint das unverbindliche Lächeln so gut wie unbekannt zu sein. Es liegt daran, dass das russische Lächeln eine ganz andere Bedeutung hat. Es muss unbedingt vom Herzen kommen und gilt vor allem Menschen, die man kennt. Dabei ist es nicht üblich, einen fremden Menschen anzulächeln. Es gibt eine Anekdote, dass McDonalds seine Firmenphilosophie, jeden Kunden anzulächeln, in Russland aufgeben musste – die russischen Restaurantbesucher fühlten sich nicht wohl, wenn sie von Kellnern mit einem freundlichen Lächeln begrüßt wurden.

„Wenn schon lieben, dann von Herzen, wenn schon drohn, dann nicht zum Scherzen“, schrieb der russische Dichter Alexej Tolstoj über den russischen Nationalcharakter. Diese Entweder-Oder-Einstellung äußert sich auch in der russischen Gestik – entweder lache ich aus vollem Hals und strahle über beide Ohren, oder ich zeige eben, dass ich miesgelaunt bin. Aber ein angedeutetes Lächeln, nein, das können die Russen nicht.

Große Unterschiede sind auch beim Berührungsverhalten festzustellen.  Die Deutschen empfinden die russische Art, Freundschaft oder Zuneigung mit viel Körpernähe (Küsse, feste Umarmungen etc.) zu betonen als unangenehm und aufdringlich. Man zuckt regelrecht zusammen, wenn die Russen „wie die Bären“ einen zu liebkosen versuchen. Für die Russen bestätigt dieses abweisende Verhalten wieder mal das alte Vorurteil über die kalten und emotionslosen Deutschen. Einige Forscher erklären sogar die russische Liebe zur Körpernähe mit den unendlichen russischen Weiten. In einem Land, wo die Bevölkerungsdichte weniger als neun Menschen pro Quadratkilometer beträgt (zum Vergleich: in Deutschland sind das 237 Menschen pro km²), rückt man enger zusammen, sucht Wärme und Nähe seines Nächsten. So fühlt sich der Russe wohl, wen der Abstand zu seinem Gesprächspartner etwa bis zu 40 cm kürzer ist, als es in Deutschland üblich ist.

Bei aller Liebe zur Körpernähe verhalten sich die Russen beim Händeschütteln etwas anders, als die Deutschen, bei denen der Handschlag fast ein heiliges Ritual ist. Man gibt zwar bei Begrüßung auch in Russland die Hand, aber das bleibt eher eine Männersache. Na klar, eine Machogesellschaft, würde vielleicht ein oder anderer Leser ausrufen. Habe ich doch schon immer gewusst. Aber Vorsicht mit zu vorschnellen Urteilen. Laut internationalem Knigge ist es immer die Dame, die entscheidet, ob sie eine Hand geben möchte oder nicht. In Russland werden Sie keine Pluspunkte machen, wenn sie als erster einer Frau die Hand schütteln wollen. Die meisten Russinnen mögen es einfach nicht und haben kein Problem damit, mit einem Kopfnicken begrüßt zu werden. Ob Russinnen deswegen zu bemitleiden sind? Lesen Sie „Die Russen kochen Eier nach Gefühl. Teil 4“.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.CAPITAL]

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